Rezept_SuppeEs ist kaum zu glauben, doch ich wurde kürzlich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, für Schlankheitsmittel Werbung zu machen. Und bei uns in der Raumschaft werden alte Mittelchen zu neuen Wundermitteln erklärt, nur die Helden haben heute andere Gesichter, als noch vor 30 Jahren…
Man sieht diese Gallionsfiguren des Vertriebsnetzes gerne in Facebook posieren, a. in sportlicher Pose
b. mit sportlichem Dress
c. beim Schlemmen von gesunden Lebensmitteln und

d. natürlich schlank, mit Studiobräune und natürlich….natürlich lächelnd…..wir sind ja soooo glücklich WEIL wir schlank sind rufen die 1001 Selfies in die Welt hinaus…und….Es ist ja alles ganz leicht, denn die eingenommenen Mittel sind ja echte Schlankmacher.

Tatsächlich? Wer so viel Sport macht, keine freie Minute ohne körperliche Betätigung ist und nur von wahnsinnsgesunden grünen Tellern schlemmt – mal ehrlich – wozu dann noch diese Pillen, die pro Monat 80.- Euro kosten? Kann es wirklich sein, dass Menschen so einen Unfug glauben? Ja sie tun es, denn die Gefolgschaft bei Facebook ist sensationell und die Heldengeschichten lassen keinen Zweifel aufkommen.  Fakt ist aber, dass diese Leute mit all ihrem Sport und all ihrer gesunden Kost diese Produkte überhaupt nicht benötigen würden, doch sie benötigen sie eben nicht für ihr Gewicht, sondern um Geld zu verdienen….

 

Doch jetzt mal hinter die Kulissen geblickt. Ist es tatsächlich so einfach mit ein wenig Sport und einer gesunden Lebensmittelauswahl schlank und glücklich zu werden?  Erste Antwort. Ja, kann sein, dass es manchmal so einfach ist, aber meine vielen tausend Beratungen sprechen eine andere Sprache.

HINTER dem Problem Übergewicht stecken meist verborgen  ganz andere geWICHTIGE Probleme, die sich lediglich beim Essen Ausdruck verleihen. Könnte folgender Satz: „Wenn ich schlank bin, dann bin ich glücklich“, eventuell auch so heißen? „Wie kann ich glücklich werden, damit ich wieder schlank werde und das Essen nicht mehr als NOTfall-Medikament benötige?“

Hier ein paar Geschichten, aus meiner Praxis, die Übergewicht mal so beleuchtet, dass wir nicht in die Teller schauen, sondern über Tellerränder hinweg.

  1. Tobias 10 Jahre alt – dünne Geschwister – Futterneid und Liebe geht durch den Magen…

    Die Mutter schildert, dass er kein Maß hat. Er stopfe immer mehrere Teller in sich hinein und wenn es um Schokolade geht, kann er einfach nie nein sagen. Soweit der Tellerblick.
    Und was sagt mir Tobias, als wir alleine sind? „Meine Mutter hat meine Schwester viel lieber als mich. Wenn sie nicht isst, sagt sie die ganze Zeit: „Schatz iss doch. Willst du noch ein wenig dies oder das oder jenes.“ Und dauernd erlaubt sie ihr Süßes zu essen und mir wird es verboten.“

    Ist es bei dieser Schilderung nicht nachzuvollziehen, dass ein 10-Jähriger das als Ungerechtigkeit betrachtet und in eine Art „Futterneid“ auf die Schwester kommt? Und ist es nicht verständlich, dass sich Tobias von der Mutter weniger geliebt fühlt, wenn sie der Tochter etwas gibt, was sie ihm verbietet? Ist es dann nicht eher so, dass Schokolade nicht einfach nur Schokolade ist, sondern Liebe, die durch den Magen geht?
    Ich würde mal behaupten wollen, dass es dafür noch keine Pille gibt.

  2. Frau H. und das Sich-Gutes-Tun.

    Sie ist sehr kreativ und arbeitet für ihr Kunsthandwerk seit Monaten, damit sie genug Waren hat für die 20 Märkte, die sie in der Herbst- und Adventszeit besuchen will. Sie hat sich genaue Pläne gemacht, was sie täglich produzieren muss und wie viel Zeit sie für ein Stück benötigen darf. Das Problem ist nur: Ihre Ansprüche an sie selbst sind einfach nicht realistisch! Keine Pause ist eingeplant und das Pensum in reiner Handarbeit einfach nicht zu schaffen. Frau H. überlastet und überfordert sich und „vergisst“ vor lauter „Stress“ die Mahlzeiten. Dazu kommen dann immer mehr  „Disziplinlosigkeit“ und sie kann zu Eis und Schokolade am späten Abend nicht mehr nein sagen.

    Ist das so? Nachdem wir miteinander gearbeitet haben, wird eine ganz andere Geschichte daraus. Seit Kindesbeinen an ist sie gewöhnt, das was sie will nicht zu spüren, nicht wahrzunehmen und einfach durchzuhalten. „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ ist ein Satz, der sich fest in ihre Persönlichkeit eingeprägt hat.

    Heute tut sie sich Gutes, BEVOR und WÄHREND sie arbeitet, sie schenkt sich einen geregelten Rhythmus, der auf ihre Hungerwahrnehmung zugeschnitten ist, sie NIMMT sich Pausen und peitscht sich nicht mehr vor sich her, sondern mutet sich viel weniger zu, als noch vor Monaten und siehe da: Ohne dass sie es sich „verbieten“ muss, braucht sie fast keine Süßigkeiten mehr. Und wenn sie dann doch einmal wieder Lust auf Eis hat, nennt sie sich nicht disziplinlos, sondern gönnt sich einfach diesen seltenen Genuss. Na und? Sie hat bereits 20 kg abgenommen und dabei glaubte sie noch vor wenigen Monaten, sie müsse jetzt auch die „Wunderpillen kaufen“. Für das gesparte Geld hat sie sich kürzlich neu eingekleidet.

  3. Herr P. und sein unbewusstes Motiv

    Er macht sein Gewicht dafür verantwortlich, dass seine Frau ihn verlassen hat. Er sei wohl nicht mehr attraktiv für sie gewesen meint Herr P. Er esse eben einfach gerne und vor allem Süß. Verbote halte er nur kurzfristig durch – es sei wie eine „Sucht“. Wenn er nur mehr Disziplin hätte und seine Diät durchhalten könne….dann wäre doch alles wieder in Ordnung, so die Meinung von Herrn P. Wirklich?

    Nach drei Stunden liegt die ganze Misere auf dem Tisch. Essen war offenbar das Einzige, was das Paar noch miteinander teilte. Sie haben kaum mehr miteinander gesprochen, kaum etwas unternommen und das Schlimmste. Es gab seit 9 Jahren keinen Sex mehr. Herr P. kann sich nicht mehr erinnern, wie es dazu kam. Es muss wohl mit der Geburt des zweiten Sohnes begonnen haben, dass man sich komplett entfremdete. Nicht das Gewicht war der Grund, dass das Paar auseinander ging – das Gewicht ist die Folge einer vollkommen zerrütteten Beziehung.

    Heute hat Herr P. 30 kg abgenommen und verstanden was ihn glücklich macht. Schokolade ist es nicht mehr. Sie war nur seine persönliche NOTlösung.

 

 

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